Unstillbare Neugier: Eindrücke aus Kunst und Leben Leonardo da Vincis

von | 12. June 2019 | 0 Kommentare

Ich schreibe für gewöhnlich keine Buchrezensionen auf diesem Blog. Aber manchmal lese ich Bücher, die etwas in mir anstoßen, was ich teilen möchte. Die Biografie Leonardo da Vincis von Walter Isaacson ist so ein Buch, das einem nicht nur etwas über das Leben und Werk eines Künstlers erzählt, sondern auch ein eindrückliches Beispiel dafür, wie ein Künstler lebenslang aus seinen Skizzenbücher schöpft.

Das Buch führt uns tief in da Vincis Leben, oder zumindest das, was wir glauben davon zu wissen, denn wie sich herausstellt ist vieles in Leonardos Leben ein Mysterium. Das ist nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass der Mann seit 500 Jahren tot ist (exakt 500 Jahre in 2019 – haltet die Augen in diesem Jubiläumsjahr nach Ausstellungen offen!), und dann wiederum doch überraschend, da er Zeit seines Lebens detaillierte Notizbücher geführt hat.

Wir wissen alle, dass Leonardo da Vinci ein Universalgelehrter war, ein Genie seiner Zeit – man fragt sich unweigerlich, was er alles erdacht hätte, hätte er heute gelebt.
Er fertigte anatomische, architektonische, Natur- und Konstruktionsskizzen. Er sezierte den menschlichen Körper (und viele Tierkarkassen) und studierte ihn im Detail wie keiner zuvor. Manche seiner Flugmaschinen, obwohl er sie nur am Reißbrett entworfen hat, haben sich heute als funktionierend herausgestellt. Und er malte auch ganz meisterlich – dies erscheint schon fast nebensächlich angesichts all seiner anderen Interessen und Betätigungsfelder. Leonardo scheint dies ähnlich empfunden zu haben, so schreibt Isaacson: „Als er das beunruhigende Alter von 30 erreicht, schreibt er eine Bewerbung an den Herzog von Mailand, in der er in 11 Absätzen all die Dinge auflistet, die er kann. In den ersten 10 Absätzen listet er Dinge wie Ingenieurskunst und Design, er schreibt also, ich kann öffentliche Gebäude entwerfen, ich kann Wasserläufe umleiten, ich kann Kriegsmaschinen entwerfen. Erst im 11. Absatz erwähnt er: ich kann auch malen.“

Hier ist ein Mensch, der alles um ihn herum studierte und verstehen wollte – insbesondere die Natur. Er liebte es, Wasserstrudel und Wellenbewegungen zu zeichnen, aber auch andere Spiralformen wie Haarlocken. Über alles, was ihn interessierte, hat er Notizen gemacht – und sein größtes Vermächtnis an uns sind seine über 7000 Seiten starken Notizbücher, die zeigen, wie neugierig und fasziniert er von der Welt war, und wie sehr er den Wunsch hatte, ihre Schönheit zu erfassen und herauszufinden, wie die Dinge in ihr funktionieren.

An dieser Stelle kommt das Skizzenbuch und die Naturbeobachtung dazu. Tatsächlich könnte man Leonardo da Vinci als Urvater des Naturtagebuchs bezeichnen.

Einer seiner Einträge lautet wie folgt: Beschreibe die Zunge des Spechts. Und tatsächlich, wenn man etwas recherchiert, erweist sich die Zunge dieses Vogels als sehr eigentümlich.
Der Specht hat eine sehr lange Zunge, mit der er Insekten fangen kann, und damit er die gesamte Länge der Zunge im Kopf unterbringen kann, wickelt sich diese einmal innen am Schädel um den Kopf. Dies hat den gleichzeitigen Effekt, dass sein Kopf vor Erschütterungen geschützt ist, wenn der Vogel mit seinem Schnabel in Baumstämmen rumhackt und bohrt. Man muss doch zugeben, dass das eine gewisse Genialität inne hat.

Und Meister Leonardo interessiert sich für all diese Details in der Natur. Er hat Interesse an allen Dingen und möchte sie verstehen. So sehr, dass er, wie Isaacson schreibt, selten etwas fertigstellt. Er malt an einigen Bildern über Jahrzehnte und nimmt daran immer wieder kleinste Änderungen vor, während er mit ihnen rumreist (La Gioconda, bekannt als die Mona Lisa, ist eines von ihnen). Er hat mitunter auch Schwierigkeiten, seine Auftragsarbeiten erfolgreich abzuschließen (was aus der Perspektive eines heutigen Freiberuflers professioneller Suizid wäre) oder verwendet hochexperimentelle Techniken (die Schichten des Letzten Abendmahls sind nach einigen Jahren förmlich von der Wand gebröckelt, weil da Vinci anstatt der üblichen Temperafarbe, die für die Frescomalerei verwendet wurde, Ölfarbe verwendete, die auf der Wand nicht lange haftete). Seine anatomischen Studien hätten ein Meilenstein der Medizingeschichte werden können, da er seinen Zeitgenossen weit voraus war – wenn er sie in Form gebracht und veröffentlicht hätte. In gewisser Weise kann ich verstehen, wie er sich gefühlt haben muss, da mir an einem durchschnittlichen Tag circa 20 unfertige Projekte durch den Kopf gehen, die alle nach Aufmerksamkeit schreien und zu Ende gebracht werden wollen.

Aber anstatt etwas zu Ende zu bringen, führte Meister Leonardos Aufmerksamkeit ihn immer zur nächsten Sache. Und das konnte eine Vermessung der Sonne sein, oder ein Entwurf für eine Kirche, oder die Frage warum der Himmel blau ist, oder die Quadratur des Kreises, oder die Frage warum ein Vogel fliegen kann (er hat die Antwort gefunden), oder die Beobachtung der Flügel einer Libelle. Und zusammen mit seinen Notizen stehen immer seine Skizzen – die Worte immer in Spiegelschrift, und die Skizzen immer mit der charakteristischen Schraffur von unten nach oben, da er Linkshänder war. Und so füllt er Seite für Seite.

Isaacson schreibt: „Leonardo wollte alles wissen, was es über die Schöpfung zu wissen gab, auch wie wir uns darin einordnen.“ Und vielleicht ist es seine Art, Kunst mit Wissenschaft zu verschmelzen, die seine Notizen so faszinierend macht – alles miteinander zu verbinden über die Disziplinen hinweg. Da Vinci liebte Experimente, und er hatte ein intuitives Verständnis von der Natur und ihren Mustern, dass sich nicht auf theoretische Konzepte stützte, sondern auf Beobachtung. Und diese Macht der Beobachtung kann man überall in seinen Notizbüchern sehen.

Wie Isaacson es beschreibt: „Das sind Dinge, die wir alle tun könnten, wenn wir ein paar kleine Pausen am Tag machen, vielleicht ein paar mal pro Stunde, und uns sagen: ‚Lass mich das ein wenig genauer betrachten.‘ Und wenn wir das täten, könnten wir sehen, wie die Dinge zu verschiedenen Bereichen in der Natur gehören und wie sie dabei Muster bilden.“
Genau das beschreibt für mich den Vorgang, der auch im Naturtagebuch stattfindet. Darum sollten wir neugierig bleiben und mit unserem Skizzenbuch die Welt erfahren und wahrnehmen.

Manchmal fühlt ein Buch sich an, als ob es eine direkte Verbindung zu einem anderen Menschen herstellen kann, als ob man direkt in den Kopf des Anderen sehen kann und seine Gedanken und Gefühle erfährt. Dieses Buch bringt einen stellenweise sehr nah an da Vinci, obwohl er seit 500 Jahren tot ist und wir niemals ganz genau wissen werden, wer und wie er war – in diesem Sinne kann das Buch natürlich nur eine Annäherung bleiben. Aber es ist eine Annäherung, die mich tief bewegt hat, zum Teil sicherlich auch, weil ich viel über Künstler und ihr Leben lese und viele Biographien studiert habe.

Aber auch wenn man nicht diese merkwürdige Verbindung zu einem toten Künstler spürt, Leonardo da Vinci war ein außergewöhnlicher Mensch, mit einer unstillbaren Neugier und einer großen Sensibilität für alles Lebendige, mit dem Antrieb alles in der Natur zu erforschen und zu verstehen, und gleichzeitig hat er sich abgemüht wie wir alle. Ich empfehle jedem dieses Buch zu lesen. Nicht nur Künstlern oder Kunst- und Naturinteressierten, sondern jedem.

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Julia Bausenhardt Illustration & Naturskizzen

In diesem Blog schreibe ich über das Zeichnen in der Natur, meine Skizzenbuchexperimente, Pigmente und Aquarelltechniken, Naturtagebücher, Zeichentutorials, Workshops und vieles mehr.
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